Beitrag von Christiane Gebhardt, Praxismentorin in Berlin im Bundesprogramm Lernort Praxis

Als Quereinsteigerin hat Christine Gebhardt die berufsbegleitende Ausbildung zur Krippenerzieherin gemacht. Danach schloss sie ein berufsbegleitendes Studium der Kindheitspädagogik BA an. Mittlerweile ist sie seit über 20 Jahren im Kita-Bereich tätig.
Aktuell hat sie eine halbe Stelle als Erzieherin beim Ev. KKV für Kindertageseinrichtungen Berlin Mitte-Nord und eine halbe Stelle ebenda als Praxismentorin im Projekt.
Zum Träger gehören derzeit 27 Kitas.
Im Rahmen des Projekts betreut Christine Gebhardt zwischen 3 und 8 Kitas, mit insgesamt 13 berufsbegleitend Studierenden. Unter den Studierenden sind 4 Männer und 6 nicht Deutsch-Muttersprachler*innen.

Motivation und Ziele des Trägers
  • Anschluss an und Ausweitung des Projekts „Mehr Männer in Kitas“ (Männeranteil 13,7%)
  • Gewinnung neuer qualifizierter Personengruppen als Fachkräfte
  • Kitas sollen Modelle guter Praxisausbildung werden, besonders im Hinblick auf die  Auseinandersetzung mit dem Thema Vielfalt und Gender
  • bessere und nachhaltigere Einstellungspraxis von Quereinsteigenden
  • Leitfaden für die Praxisausbildung unter Berücksichtigung von Gender- und Diversity-Themen
  • Aufbau von Kooperationsbeziehungen mit Fachschulen
Persönliche Motivation
  • zwei Quereinsteiger und eine Quereinsteigerin  in der eigenen Einrichtung, Gespräche überderen Ausbildung
  • mein Erfahrungswissen, meine Leidenschaft für den Beruf und meine Begeisterung für  Quereinsteigende in der Kita
  • Verbesserung der Ausbildung
Einstellung von und Zusammenarbeit mit Quereinsteiger*innen

In Berlin gibt es derzeit mehr Bewerber*innen für die berufsbegleitende Ausbildung als
Praxisstellen dafür vorhanden sind, weil:

  1. Träger nur zu 5% berufsbegleitende Studierende beschäftigen können
  2. Kitas mit den Studierenden überfordert werden, da diese vom ersten Tag an zu 100% auf den Personalschlüssel der Kita angerechnet werden.

Eine Folge davon ist, dass sie nicht als Auszubildende wahrgenommen werden und damit
leidet einhergehend die Ausbildungsqualität. 

Bedauerlicherweise geht dadurch, dass sie im Alltag „funktionieren“ müssen, auch ein
ressourcenorientierter Blick auf sie verloren.
Die anfängliche Begeisterung für die neu gewonnene Personengruppe der Querein-
steigenden, die unseren Kitaalltag sehr bereichert -darüber sind wir uns in der Praxis einig-
wird auf Grund der besonderen Herausforderung und Belastung der Kitas ebenfalls
deutlich geschmälert.

Ein weiteres Problem ist, dass die Quereinsteigenden zwei Verträge für ihre Ausbildung haben: einen Anstellungsvertrag/Arbeitsvertrag beim Träger und einen Ausbildungsvertrag mit einer Fach-/Hochschule. Beiden an der Ausbildung beteiligten Institutionen stehen bislang keine Zeitbudgets zur Verfügung, um miteinander in Kontakt und Austausch zu treten. Das ist überaus bedauerlich und nicht förderlich für eine gute Ausbildungsqualität, da dies eine gemeinsame Abstimmung z.B. eines Ausbildungsplanes nahezu unmöglich macht.

Im Modellprojekt konnte durch mich als Praxismentorin in Zusammenarbeit mit den sehr motivierten und engagierten Projektkitas folgendes erreicht werden:

Bewusstseins- bzw. Haltungsänderung

Quereinsteigende werden von den Teams wieder verstärkt als Noch-In-Der-Ausbildung-Befindliche wahrgenommen und  Quereinsteigende nehmen sich selber  
verstärkt als Studierende wahr, die in der Praxis eine Ausbildungsbegleitung/- Anleitung brauchen.
Eine gute Praxisbegleitung/Anleitung in den Kitas hat wieder eine große Bedeutung und wird zunehmend zur Selbstverständlichkeit.

Teams nehmen Mitverantwortung für die Ausbildung wahr und begreifen ihre Kitas in höherem Maße als Ausbildungsort/Lernort.

Diese Bewusstseins- bzw. Haltungsänderung ist die Folge meiner intensiven Beziehungsarbeit mit allen Beteiligten (mit Einzelnen und mit den Teams):
Vielfältiger Gesprächsaustausch, Schwierigkeiten thematisieren, gemeinsam nach Lösungen suchen, Stärken sichtbar machen, die kleinen „Stellschrauben“ im Alltag finden, immer wieder ermutigen, …

Vereinzelte Kooperations-Absprachen mit Fachschulen

Mit den Fachschulen gab es durch gelegentlichen Austausch – für die jeweils anwesenden Dozentinnen war das Privatzeit! – eine Annäherung beider Lernorte auf Augenhöhe.
Ich stellte Teile unseres Leitfadens für die Praxisausbildung zur Diskussion. Immer wieder sprach ich mit ihnen über die Notwendigkeit von Praxisreflexion auch  in der Schule. Zwei Fachschulen übernahmen die Idee eines Praxistagebuches als verpflichtend in die Ausbildung mit auf.

Es ist inzwischen selbstverständlich, dass ich mit dem TOP „Gelingende Praxisausbildung“ zu den Praxiskonferenzen der Anleiter*innen in diese beiden Schulen eingeladen werde.
In die Planung bei der Umstrukturierung des Lehrplanes wurde ich in einer Fachschule mit einbezogen.

Weiterhin gibt es für Berlin kleine Errungenschaften auf Grund des Modellprojektes zu begrüßen:

  • Der Berliner Senat stellt ab dem neuen Kita-Jahr 2 Stunden Anleitungszeit pro Monat und pro berufsbegleitenden Studierenden für das erste Ausbildungsjahr zur Verfügung.

  • Es hat sich eine Gruppe aus Schulleitenden und Praxismentorinnen gegründet, die unter Moderation des LISUM eine Handreichung für die berufsbegleitende Ausbildung in Berlin erarbeitet.

Dennoch besteht weiterer struktureller Handlungsbedarf:

  • Kita muss sich eben auch als Ausbildungsort etablieren  und dafür mit ausreichend Zeitressourcen für Praxisbegleitung/-Anleitung bedacht werden, um die Qualität der Praxisausbildung zu verbessern!

  • Dieses wirklich gute Modell der berufsbegleitenden Ausbildung, das unsere Kita-Landschaft mit so vielfältigem neuen Personal bereichert, muss ausgebaut werden. Die Studierenden dürfen dabei nicht vollständig auf den Personalschlüssel einer Kita angerechnet werden! Das überfordert alle!
Umgang mit Vielfalt

Beim Ev. Kirchenkreisverband für Kitas Berlin Mitte-Nord ist „Vielfalt“ im Trägerkonzept verankert – das war auch eines unserer Schwerpunkt3-Ziele.

In unseren Kitas spiegelt sich die Vielfalt der Menschen Berlins wider. Die Teams der Kitas sind bewusst heterogen zusammengesetzt (nicht zuletzt verstärkt durch das Projekt „Männer in Kitas“).
Grundsätzlich begrüßen unsere Erzieher*innen diese Entwicklung – also, dass vermehrt männliche Fachkräfte, Fachkräfte mit Migrationshintergrund und berufsbegleitende Studierende in den Kitas unseres Trägerverbands arbeiten.
Das ist eine wichtige  „Erfolgsmeldung“ für unser Projekt.

Aufgrund dieser Vielfalt ergibt sich einerseits die Chance und entsteht zugleich auch die Notwendigkeit, gemeinsam im Team Differenzen, gesellschaftliche Zuschreibungen, Stereotype zu reflektieren.
Diese Reflexion ist leider bisher ungenügend oder gar nicht vorhanden - im Verlauf des Projekts wurde ich immer wieder mit Stereotypen konfrontiert, die keine Reflexion in den Teams zur Folge hatten.

Welche Folgen dieser unreflektierte Umgang mit Vielfalt für die Arbeit der Kolleg*innen und
für die Arbeit mit den Kindern und deren Familien haben kann, hat mich persönlich sehr beschäftigt.

Auch die Frage: Was macht die Vielfalt in unserem Team aus, wie gehen wir wertschätzend damit um, ist bislang im Team nicht diskutiert worden.

In stressigen Situationen geht einigen Fachkräften das Bewusstsein verloren, dass Vielfalt auch einen Gewinn bedeutet und  in eben diesen Situationen werden dann verstärkt die Nachteile gesehen. Eine Diskussion über den Gewinn von heterogenen Teams könnte das Bewusstsein, dass heterogene Teams einen Gewinn darstellen „verfestigen“.

Um Sensibilisierungsprozesse für Gender- und Vielfaltsthemen anzustoßen, habe ich Folgendes versucht:

  • Gespräche mit einzelnen Pädagoginnen/Pädagogen und mit Kita-Leitenden zu führen
  • mit Leitenden in den Austausch zu treten, um eine Teamfortbildung zu entwickeln, in der sich das Team mit seiner eigenen Vielfalt wertschätzend auseinandersetzen kann
  • Diskussionen im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Koordinationsstelle und während des zweiten Schwerpunkt 3 Netzwerktreffens mit den Praxismentor*innen anzuregen um eine Willkommenskultur in den Kitas zu etablieren
  • Gespräche in den Teamsitzungen über Willkommenskultur führten zum Fest-schreiben von entsprechenden Merkmalen im Leitfaden für die Praxisausbildung
  • die Anregung durch die Koordinationsstelle aufzugreifen, durch Reflexion von Dilemma-Situationen Gespräche über Vielfalt zu führen.

Diese waren Thema in den beiden durch mich initiierten Arbeitskreisen beim Träger:

  • mit den Fachschulen das Thema Gender und Vielfalt als inhaltliche „Überschrift“ für unsere Kooperation zu wählen –  dem wurde kein Interesse entgegen gebracht
  • mit einer Fachschule Praxisaufgaben für die Studierenden zu formulieren, die das Beobachten, Forschen und Reflektieren zu diesem Themenfeld auch in der Kita fördern

Beim Versuch der Sensibilisierung der Teams für das Thema Gender und Vielfalt fühlte ich mich teilweise überfordert.

Inhaltlich ist der Schwerpunkt 3 im Projekt zu kurz gekommen – nur ein Pädquis-AK war dazu vorgesehen!

Der Koordinationsstelle ist es zu verdanken, dass das Thema mit mehr Inhalt untermauert wurde, es zusätzlich 3 Netzwerktreffen geben konnte – diesen Austausch möchte ich nicht missen!-  und, dass ich Unterstützung durch konkreten und persönlichen Austausch bekam!

Die Auseinandersetzung der Kita-Teams mit dem Thema Gender und Vielfalt ist eine große und herausfordernde, aber unbedingt notwendige Aufgabe für die Kitas.
Sie muss in der Praxis, aber auch an den Schulen professionell gestaltet werden!

Fazit

Es war ein bereicherndes Projekt:

  • für die Kitas, für unseren Träger, für die kooperierenden Schulen: Den Blick auf Kita als Ausbildungsort zu richten  – was ohne das Projekt wohl eher nicht passiert wäre
  • mein neuer Blickwinkel auf Kita
  • Praxismentorin – das kann ich gut, da kann ich begeistern!
  • wertvolle Bekanntschaften/Austausch mit anderen Praxismentorinnen

Die berufsbegleitende Ausbildung ist ein exzellentes Modell, neue Fachkräfte für unseren Beruf zu gewinnen.

Aber, die Bedingungen müssen dringend verbessert werden, damit wir ebenso exzellent ausbilden können - das ist (jetzt) unser Anspruch!

Gemeinsam haben wir an den kleinen „Stellschrauben“ im Alltag justiert, um die Ausbildungs-Qualität zu verbessern – mehr geht unter den derzeitigen Bedingungen nicht!

Der Träger sucht nach dem Erfolg des Projektes Möglichkeiten, eine wenigstens stundenweise Stelle für mich als Praxismentorin zu etablieren.