Warum mehr Quereinsteiger/innen?

Die Argumente für eine verstärkte Förderung der Quereinstiegsmöglichkeiten in den Erzieher/innenberuf sind zahlreich.  So lässt sich beispielsweise darauf hinweisen, dass es eine große Anzahl von Männern und Frauen gibt, die gern ihren Beruf wechseln und als Quereinsteiger/innen die Erzieher/innenausbildung beginnen möchte. Des Weiteren sprechen sich auch viele Kita-Träger und Erzieher/innen-Teams für die Einstellung von Quereinsteiger/innen aus, da diese als Bereicherung für die pädagogische Arbeit angesehen werden.

Quereinsteiger/innen können die pädagogische Arbeit in Kitas bereichern

In den letzten Jahren wurde in der Fachdiskussion zunehmend die Bedeutung multiprofessioneller Teams für die Qualität pädagogischer Arbeit in Kindertageseinrichtungen hervorgehoben (vgl. u.a. BMFSFJ 2014). Als multiprofessionelle Teams werden dabei nicht nur Teams verstanden, in denen unterschiedlich fach- und hochschulisch ausgebildete (sozial)pädagogische Fachkräfte arbeiten. In einem erweiterten Verständnis zeichnen sich multiprofessionelle Teams auch dadurch aus, dass sie Quereinsteiger/innen integrieren, die eigene spezifische Kompetenzen, die sie in ihrem früheren Berufsleben erworben haben, in die pädagogische Arbeit mit einbringen (können). „Damit soll gezielt dazu beigetragen werden, die Kompetenzen des Kita-Teams zusätzlich zu bereichern und durch facettenreichere Bildungsangebote den Erfahrungshorizont der Kinder zu erweitern (vgl. BMFSFJ 2014, S. 26).

BMFSFJ (2014): Diskussionspapier zur Bindung von pädagogischem Personal in Kindertageseinrichtungen. Vorgelegt von der Arbeitsgruppe Fachkräftegewinnung für die Kindertagesbetreuung. Berlin, siehe:
www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung5/Pdf-Anlagen/14-ag-fachkraefte-diskussionspapier,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

Diese Argumentation wird auch durch das Kompetenzmodell von Fröhlich-Gildhoff, Nentwig-Gesemann und Pietsch untermauert. Das Kompetenzmodell stellt unter anderem heraus, dass  die persönliche Haltung, die die pädagogische Fachkraft im Laufe ihres Privat- und Arbeitslebens erwirbt, das konkrete Handeln in einer pädagogischen Situation (Performanz) stark mitbestimmt (vgl. Fröhlich-Gildhoff, Nentwig-Gesemann und Pietsch 2011). Dadurch wird deutlich, dass die spezifischen Kompetenzen, die Erzieher/innen für ihre Arbeit benötigen, nicht nur in der Ausbildung erworben werden (müssen). Die Kompetenzentwicklung beginnt schon vorher  „und ist ein lebenslanger Prozess, zu dem nicht nur die Ausbildung und berufliche Praxis, sondern auch die individuelle Biografie beitragen.“ (Gartinger/Janssen 2014). Je verschiedener also die Lebens- und Berufsbiografien  von Erzieher/innen ausfallen, desto vielfältigere Kompetenzen können in einem Kita-Team „versammelt“ sein und für die pädagogische Arbeit gewinnbringend genutzt werden.

WiFF Expertise von Fröhlich-Gildhoff, Klaus; Nentwig-Gesemann, Iris und Pietsch, Stefanie (2011): www.weiterbildungsinitiative.de/uploads/media/WiFF_Expertise_Nr_19_Froehlich_Gildhoff_ua_Internet__PDF.pdf

Quereinsteiger/innen entscheiden sich sehr bewusst für die Erzieher/innenausbildung  und sind motiviert, den Beruf auszuüben

Kita-Leiter/innen und pädagogische Fachkräfte sprechen sich teilweise auch deshalb für die Beschäftigung von Quereinsteiger/innen aus, weil sie davonausgehen, dass Quereinsteiger/innen motivierte, wissbegierige und lern-interessierte Mitarbeiter/innen sind. Eine Praxismentorin im Bundesprogramm „Lernort Praxis“ drückt dies folgendermaßen aus:  
"Die sind teilweise 40 oder älter, aber die kommen mit einem anderen Elan, mit einer anderen Leidenschaft teilweise, weil sie wissen, okay, es geht nochmal um was. (...). die wollen Erzieher sein mit Leib und Seele. Wenn man sich mit 40 das nochmal überlegt in diesen Beruf zu gehen, dann ist man da anders dabei."

Quereinsteiger/innen bilden ein wichtiges Fachkräftepotenzial

Ein weiterer Begründungszusammenhang, der im Kontext der Debatte um den Quereinstieg in den Erzieher/innenberuf immer wieder geäußert wird, ist, dass vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels in verschiedenen Regionen Deutschlands, verstärkt auch Quereinsteiger/innen für den Erzieher/innenberuf gewonnen werden müssten (vgl. u.a. BMFSFJ 2014).

Unter den Quereinsteiger/innen befinden sich relativ viele Männer

Da sich unter den am Quereinstieg interessierten Personen relativ viele Männer befinden, so ein weiteres Argument, führten Maßnahmen, die das Ziel haben, Quereinstiegsmöglichkeiten in den Erzieher/innenberuf zu erleichtern, auch dazu, den Anteil männlicher Fachkräfte zu steigern. Detlef Diskowski drückt dies folgendermaßen aus:
"Will man z.B. den Männeranteil am Fachpersonal erhöhen, dann erscheint es wenig erfolgversprechend, auf die Berufswahlen von 16- bis 18-jährigen jungen Männern zu hoffen. Berufe, die in diesem Alter [für die meisten jungen Männer (d.A.)] völlig uncool sind, entwickeln aber nach 10 Jahren Berufspraxis in einer Schlosserwerkstatt womöglich eine hohe Attraktivität; insbesondere wenn Erfahrungen mit eigenen Kindern dazu gekommen sind". (Diskowski 2013).

Mit der Beschäftigung von Quereinsteiger/innen sind auch Herausforderungen verbunden

Die aufgeführten Begründungszusammenhänge zeigen, dass Quereinsteiger/innen von Verantwortlichen aus Politik und Praxis durchaus als Bereicherung wahrgenommen werden (können). Nichtsdestotrotz muss auch darauf hingewiesen werden, dass die Beschäftigung von Quereinsteiger/innen auch mit Herausforderungen für Kita-Teams und Quereinsteiger/innen verbunden sein können. So werden beispielsweise in einigen Bundesländern Quereinsteiger/innen, die eine Kita tätigkeitsbegleitende Ausbildung absolvieren und während der Ausbildung schon in einer Kindertageseinrichtung arbeiten, auf den Personalschlüssel angerechnet. Die Quereinsteigenden stehen aber noch am Anfang ihrer Ausbildung und müssen dementsprechend angeleitet werden, wofür in der Regel aufgrund des allgemein schlechten Personalschlüssels in Kitas keine Zeit vorhanden ist. In anderen Bundesländern werden dagegen Quereinsteigende nicht auf den Personalschlüssel angerechnet. Diesen Quereinsteiger/innen wird aber meist ein nur sehr niedriges Gehalt gezahlt, von dem sie nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten können (vgl. u.a. Cremers/Krabel 2014, S.16).

Die AG Fachkräfte des BMFSFJ weist des Weiteren darauf hin, dass die Beschäftigung von Fachkräften mit unterschiedlichen (Berufs)Bildungsabschlüssen und Qualifikationsniveaus nicht automatisch dazu führt, dass multiprofessionelle Teams ihre erweiterten Kompetenzen auch gewinnbringend einsetzen (können). Damit multiprofessionelle Teams ihre Kompetenzen professionell einbringen können, bedarf es „der professionellen Gestaltung ressourcenorientierter Team- und Personalentwicklung im Rahmen eines etablierten Qualitätsmanagements (vgl. BMFSFJ 2014, S. 27).

Der Quereinstieg wird Interessierten nicht leicht gemacht

Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass der Berufswechsel interessierten Männern und Frauen nicht leicht gemacht wird.  Die Neuqualifizierung dauert lange, wird nicht vergütet und staatliche Förderung greift oftmals nicht. Viele an einem Quereinstieg Interessierte trauen sich auch nicht ein Darlehen aufzunehmen, denn die Rückzahlung ist in Anbetracht der für den Erzieher/innen-Beruf nicht ungewöhnlichen Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse oder Befristungen nicht leicht. Aus diesem Grund sind in letzter Zeit in verschiedenen Bundesländern vermehrt Kita tätigkeitsbegleitende Ausbildungsgänge entstanden, in deren Rahmen Fachschülerinnen und –schüler von Beginn ihrer Ausbildung an in Kindertageseinrichtungen arbeiten und entlohnt werden. Dies soll quereinstiegsinteressierten Menschen den Weg in die Erzieher/innenausbildung erleichtern.

Das Ziel der (Weiter)Entwicklung von Kita tätigkeitsbegleitenden Ausbildungsgängen verfolgt auch das neue ESF-Modellprogramm „Quereinstieg  - Männer und Frauen in Kitas“, in dessen Rahmen mehrere Modellprojekte ab Juni 2015 innovative Erzieher/innenausbildungen entwickeln.

Literatur

BMFSFJ (2014): Diskussionspapier zur Bindung von pädagogischem Personal in Kindertageseinrichtungen. Vorgelegt von der Arbeitsgruppe Fachkräftegewinnung für die Kindertagesbetreuung. Berlin, siehe:
www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung5/Pdf-Anlagen/14-ag-fachkraefte-diskussionspapier,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

Cremers, Michael; Krabel, Jens (2014): Heterogene Teams: Bestandsaufnahme zu Chancen, Teamdynamiken und möglichen Konfliktlinien. In: Koordinationsstelle „Männer in Kitas: Geschlechtersensibel pädagogisch arbeiten in Kindertagesstätten. Handreichung für die Praxis. Berlin,

Diskowski, Detlef (2013): Fachkräftemangel und Qualifikationsfrage. Der Personalmangel in der Kindertagesbetreuung als Chance, die Qualifikationsfrage radikaler zu stellen, siehe:
www.nifbe.de/component/themensammlung/item/29-themensammlung/professionalisierung/411?showall=1&limitstart=

Fröhlich-Gildhoff, Klaus; Nentwig-Gesemann, Iris & Pietsch, Stefanie (2011): Kompetenzorientierung in der Qualifizierung frühpädagogischer Fachkräfte. München: WiFF/ DJI.