05.06.2018

Mehr finanzielle Mittel vonnöten

Um die Potenziale des Ausbildungsortes Kita besser nutzen zu können und die Ausbildung in ihrer Gesamtheit zu stärken, sind die Rahmenbedingungen für das Praxismentoring zu verbessern. Interview mit Rahel Dreyer

Foto: privat.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e.V. (BAG-BEK) hat im März ein Positionspapier zur „Fachkräftegewinnung und Qualitätsentwicklung in Kitas“ veröffentlicht. Wir haben Rahel Dreyer dazu schriftlich interviewt. Sie ist Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice Salomon Hochschule Berlin und Vorstandsmitglied der der BAG BEK e.V.. Rahel Dreyer engagiert sich unter anderem für berufspolitische Themen im Bereich der Kindheitspädagogik.

Frau Dreyer, in dem Positionspapier heißt es: „Das Positionspapier hat die Absicht, die notwendige Diskussion um die Trias Fachkräftebedarf – Aus- und Weiterbildung – Qualität in Einrichtungen der Bildung und Erziehung in der Kindheit verantwortungsvoll mitzugestalten.“
In welchem Zusammenhang stehen Ihrer Ansicht nach die drei Themen Qualität, Fachkräftebedarf und Aus- bzw. Weiterbildung?

Im Kontext des Fachkräftemangels und dessen Bekämpfung rücken immer wieder die Ausbildung von pädagogischen Fachkräften und die Qualität der pädagogischen Arbeit in den Kitas in den Fokus. Darin zeigt sich eine Trias von „Fachkräftebedarf – Aus- und Weiterbildung – Qualität in Kitas“, die nicht unabhängig voneinander betrachtet werden sollte und bei allen angedachten Maßnahmen und Innovationen Berücksichtigung finden muss.
Eine hohe Qualität der pädagogischen Arbeit in Kitas ist ohne eine ausreichende Qualifikation des pädagogischen Personals nicht zu halten, welche trotz des Fachkräftemangels sichergestellt werden muss.
Der aktuelle Fachkräftemangel birgt die Gefahr einer Deprofessionalisierung und zwar auf drei Ebenen:

  1. Es ist ein Absenken der Standards für die Ausbildung des pädagogischen Personals durch eine Zunahme an Assistenzberufen und ein Aufweichen der Fachkräftekataloge zu befürchten.
  2. Der Fachkräftemangel führt zu einer Überbelastung des pädagogischen Personals, welche sich wiederum auf die Qualität der pädagogischen Arbeit auswirkt.
  3. Des Weiteren birgt er die Gefahr einer Dauerbelastung  des gesamten Systems, welches sich insbesondere in der Dauerbelastung der Einrichtungsleitungen zeigt und sich wiederum auf die Qualität in ihren Einrichtungen auswirkt.

Aus meiner Sicht stehen derzeit eher quantitative Aspekte wie z.B.  die Begegnung des Fachkräftebedarfs im Vordergrund und weniger die Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität. Anstatt die dringend erforderliche (Teil-)Akademisierung weiter voranzubringen (in vielen anderen europäischen Ländern ist inzwischen längst sogar der Masterabschluss Voraussetzung für eine Gruppen- bzw. Einrichtungsleitung), wird nun über die stärkere Implementierung von Assistenzmodellen bzw. Ausbildungsmodellen auf DQR Niveau 4 diskutiert.

Sie plädieren in ihrem Positionspapier für den Erhalt des DQR 6-Level für die Erzieher/innenausbildung. Berufsbegleitende bzw. praxisintegrierte Ausbildungen und Studiengänge sollen ausgebaut und mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden. Welche Ressourcen müssten welchen Akteur/innen der Ausbildung zur Verfügung gestellt werden, um das DQR 6 Level zu halten?

Um das DQR 6 Level zu halten, die Potenziale des Ausbildungsortes Kita besser nutzen zu können und die Ausbildung in ihrer Gesamtheit zu stärken, sind die Rahmenbedingungen für das Praxismentoring (durchgängige Qualifizierung der Praxismentor*innen, Praxismentor*inneneignungsprüfung, Zeitressourcen) zu verbessern. Beide Lernorte (Berufsfeld und Fachschule/Hochschule) müssen zudem eng miteinander zusammenarbeiten und dafür die notwendigen Ressourcen haben. Nur dann kann eine enge Verzahnung der praktischen und theoretischen Inhalte an beiden Lernorten gewährleistet werden.

Die Ausbildung liegt in der Hoheit der Länder. Was könnte und müsste Ihrer Meinung nach auf Bundesebene bewirkt werden?

Der Bund müsste sich noch stärker als bislang an der Finanzierung des Kita-Ausbaus wie auch an der Ausbildung des pädagogischen Personals an Fach- und Hochschulen beteiligen. Trotz der umfangreichen Investitionsprogramme des Bundes seit 2008 sind nach wie vor mehr Investitionen und eine direkte finanzielle Beteiligung des Bundes, der von den mittelfristigen und langfristigen Effekten profitiert, erforderlich.

Zunächst gilt es, die strukturellen Rahmenbedingungen der Kindertagesbetreuung zu verbessern und mit einer entsprechenden finanziellen Ausstattung zu hinterlegen. Nur auf diese Weise können auch eine verbesserte Prozess- und Ergebnisqualität in den Einrichtungen erzielt und das Berufsfeld attraktiver werden, was insbesondere für die Fachkräftegewinnung relevant ist. Aus diesem Grund sollte z.B. das geplante „Gute-Kita-Gesetz“ mit mehr finanziellen Mitteln ausgestattet werden.

Sie positionieren sich dahingehend, dass das Ausbildungssystem über berufsbegleitende Ausbildungsgänge Quer- und Seiteneinstiege ermöglichen muss. Welche Bedeutung messen Sie im aktuellen Fachdiskurs der berufsbegleitenden Erzieher/innenausbildung zu?

Attraktiv sind an diesen Modellen die Vergütung und der starke Theorie-Praxis-Bezug. Diese Modelle sprechen besonders gut bisher unterrepräsentierte Personengruppen, wie z.B. Männer und Personen mit sogenanntem Migrationshintergrund an. Das fördert gleichzeitig die gewünschte Vielfalt in den Einrichtungen und kann dazu beitragen, die pädagogische Arbeit zu bereichern und die Qualität in den Einrichtungen zu steigern. Die Bedeutung dieser Ausbildungen nimmt zu, wie die statistischen Zahlen belegen und auch der aktuelle Koalitionsvertrag zeigt.

DANKE für die Beantwortung der Fragen!