08.10.2018

Menschenskinder

Eva Messlin im Interview: Eine gute Kommunikations-und Streitkultur ist der Motor für die Weiterentwicklung eines Kitateams und seiner pädagogischen Arbeit.

Foto: privat.

Eva Messlin ist 41 Jahre und stattlich anerkannte Erzieherin und Diplompädagogin (Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Kleinkindpädagogik). Seit Juni 2010 leitet sie die Kita Menschenskinder der menschenskinder-berlin gGmbH.

Wie stellt sich in Ihrer Kita Heterogenität dar?

In unserer Kita werden im Elementarbereich 50 und in zwei Nestbereichen jeweils 15 Kinder in offenen, altersgemischten Gruppen betreut.

Vielfalt ist bei uns erwünscht und deutlich sichtbar. Inklusion bedeutet für uns das gemeinsame Aufwachsen und miteinander aller Kinder mit all ihren persönlichen und familiären Besonderheiten. Alle Familien werden willkommen geheißen, diese Offenheit ist im Haus deutlich spürbar. Die persönlichen Potentiale eines Menschen werden gesehen und als Bereicherung betrachtet und den individuellen Bedürfnissen wird Rechnung getragen. Die Lebensbedinungen der einzelnen Familien und die individuellen Potentiale der Kinder sind schon vom Eingewöhnungsgespräch an wichtige Faktoren für die gemeinsame partnerschaftliche Arbeit. Bei einer Familie mit einem Kind mit einem erhöhten Förderbedarf schauen wir gemeinsam, was das Kind braucht, was ihm zuzutrauen ist und was wir ihm geben können.

Unser pädagogisches Team besteht aus "Menschenskindern" unterschiedlicher Nationalität, Alter, Berufserfahrung, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion, Qualifikationen und ist so bunt, wie unsere Gesellschaft und unsere Kindergruppen. Die Arbeit in der Kita ist geprägt durch die gemeinsame Verantwortung für die Kinder und das Haus. Den aktuellen Herausforderungen begegnen wir immer im Dialog, sind bereit Erwartungen zu hinterfragen, verschiedene Perspektiven einzunehmen  und Veränderungen zu zulassen.

Woran zeigt sich, dass Heterogenität ein Gewinn für Ihre Kita  ist? Woran zeigt sich aber auch, dass Heterogenität mit Herausforderungen verbunden ist?

Wir haben einen verantwortungsvollen Umgang mit den Unterschiedlichkeiten und erkennen den Wert der Vielfalt an. Dabei nutzen wir die  Unterschiedlichkeiten als positive Synergieeffekte.

Die Lebensbedingungen der einzelnen Familien und die individuellen Potentiale der Kinder sind schon vom Eingewöhnungsgespräch an wichtige Faktoren für die gemeinsame partnerschaftliche Arbeit. Bei einer Familie mit einem Kind mit einem erhöhten Förderbedarf schauen wir gemeinsam, was das Kind braucht, was ihm zuzutrauen ist und was wir ihm geben können.

Die Kinder werden bei uns in heterogen zusammengesetzten Gruppen betreut, damit sie Vielfalt schon früh als Normalität und bereichernd erleben.
Durch die offene Arbeit und eine positive Haltung allen Kindern und Familien gegenüber können wir gezielt, vorurteilsbewusst und differenziert auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien eingehen. Die Kinder haben durch Gruppen- und Raumöffnung sowie flexible Strukturen erweiterte Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Wir ermöglichen, dass Kinder in ihrem eigenen, selbstgewählten Tempo ihren Neigungen und Interessen nachgehen können.

Das Team ist ein Abbild unserer heterogenen Gesellschaft und besteht aus Menschen, von denen jede und jeder für sich Spaß am Beruf, Freude am Kooperieren, Netzwerken und Kommunizieren hat. Gegenseitige Anerkennung, Respekt und Sympathie für einander sind deutlich spürbar. Grundlagen dafür sind eine Orientierung an den Ressourcen von Menschen, und gemeinsame Ziele für unsere Familien und Kinder. Jede/r fühlt sich verantwortlich, bringt sich ein und wird gehört.

Dies ist ein fortwährender Prozess und bedarf täglicher aktiver Beteiligung. In diesen Prozess gehört ebenso die kontinuierliche gemeinsame Diskussion von Grundsätzen und Werten, denn ein gemeinsames Verständnis darüber erleichtert Konflikte zu sehen, zu hören, anzusprechen und damit umzugehen. Sowie die Erkenntnis, dass Konflikte einen institutionellen Rahmen brauchen. Darüber hinaus sind wir uns bewusst, dass Meinungsverschiedenheiten in solch einem heterogen zusammengesetzten Team nicht auszuschließen sind. Eine gute Kommunikations-und Streitkultur betrachten wir als Motor für die Weiterentwicklung des Kita-Teams und unserer pädagogischen Arbeit. Gerade Fragen, Kritik und Anregungen von neuen Kollegi*nnen, Auszubildenden und Praktikant*innen werden genutzt, Bestehendes (zum Beispiel Regeln) zu hinterfragen und gegebenenfalls kreativ zu verändern oder neu zu beleben.

Wichtig sind uns dabei die gemeinsame Basis und Grundhaltung, die Schaffung einer Atmosphäre von Respekt und Wertschätzung und eine gewisse Gelassenheit und Offenheit, Dinge auch mal ausprobieren zu können (z.B. Ein Erzieher ist mit der Gestaltung der Mittagssituation unzufrieden, hat Änderungsvorschläge - es spricht nichts dagegen, diese Veränderungen bis zur nächsten Teamsitzung einmal auszuprobieren und danach zu reflektieren).

In regelmäßigen Mitarbeiter*innengesprächen werden die persönlichen Entwicklungsbedarfe, Ideen und Wünsche angehört, erörtert und in Absprache mit der Leitung und dem Team unterstützt und gemeinsame Visionen entwickelt.

Welche Schritte müsste Ihre Kita gehen um sich hinsichtlich Heterogenität weiter zu entwickeln? Was müsste dazu ggfls. gesellschaftspolitisch angeschoben werden?

Nach einem Rückzug in unser saniertes Stammgebäude (derzeit befindet sich die Kita in einem Container), unter einem Dach mit dem Familienzentrum und dem Aufbau einer neuen altersgemischten Gruppe mit weiteren 40 Kindern, haben wir Menschenskinder formuliert, uns verstärkt und bewusster mit unserer inklusiven Haltung auseinanderzusetzen.

Durch eine regelmäßige  trägerinterne Inklusions-AG, Fortbildungen zu diesem Thema und einem gemeinsamen Teamtag setzen sich die Teams der Kita und des Familienzentrums fortlaufend intensiv mit dem Thema auseinander.

Dabei haben uns u.a. diese Fragen beschäftigt: Was bedeutet Inklusion, welche Haltung braucht es, um Barrieren abzubauen, inwieweit arbeiten wir schon inklusiv, welche Grenzen hat jede/r einzelne, welche Grenzen ergeben sich aus den Rahmenbedingungen von Kita, wo wollen wir gemeinsam hin, wie können wir einen inklusiven Sozialraum befördern…?

In diesem Zusammenhang haben wir gemeinschaftlich beschlossen, dass wir sowohl unsere Homepage, unsere Flyer und vor allem unsere Konzeption in leichte Sprache übersetzen und im neuen Haus für die Einrichtung eines Blindenleitsystems stark machen werden.

Die Vielfalt des Teams, der Familien und ihrer Kinder wird laufend gesehen und benannt und der Weg für eine Weiterentwicklung von Inklusion beschritten.

Heterogenität  so zu leben und als gewinnbringend für die pädagogische Arbeit mit den Kindern zu erfahren, setzt in erster Linie die oben beschriebene gemeinsame Basis und Grundhaltung aller Mitwirkenden in der Einrichtung voraus. Ebenso ist es von Bedeutung, dass der Träger menschenskinder-berlin gGmbH den notwendigen Rahmen dafür schafft.

Natürlich geht das nicht, ohne dass sich auch die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen im Bereich frühkindliche Pädagogik weiter verbessern und kurz- und langfristig mehr Geld in diesen Bereich investiert wird. Ein guter Betreuungsschlüssel und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen sind wichtig, ebenso wie die gesellschaftliche Anerkennung des Erzieher*innenberufes.

Für uns ist die neue Regelung zum Quereinstieg und die Anrechnung auf den Personalschlüssel ein guter Schritt, da Träger, Leitung und Team eine größere Auswahl an Menschen mit besonderen Kompetenzen haben, welche sie für die fachliche Arbeit in der Kita Menschenskinder als geeignet halten. Wir erleben in einem multiprofessionellen Team den Anstieg des Kompetenzniveaus und durch den intensiven Fachaustausch eine kontinuierliche Weiterentwicklung unserer professionellen Arbeit.

Eine fachliche und supervisorische Unterstützung des Teams sehen wir als dringend notwendig und selbstverständlich an.

DANKE für das Interview!