05.06.2018

Praxiskoordination ist das A und O

„Nur mit entsprechender Begleitung kann man die Studierenden in dieser herausfordernden Zeit erfolgreich zum Abschluss führen.“ Interview mit Daniela Stöffel, Euro Akademie Berlin

Foto: Privat.

Daniela Stöffel ist Projektleiterin im Quereinsteiger/innen-Programm an der Euro Akademie in Berlin. Sie kümmert sich um die Koordination innerhalb des Teams und die Kooperation mit Trägern und Praxiseinrichtungen. Seit Programmstart haben nur zwei Teilnehmende die Ausbildung komplett abgebrochen. Ein Grund für das positive Ergebnis sei die individuelle Betreuung der Studierenden, sagt Daniela Stöffel.

Wie viele Quereinsteigende sind in allen drei Jahrgängen?

Wir haben insgesamt 69 Studierende, 33 Männer und 36 Frauen.

Wie viele Quereinsteigende sind im ersten Jahrgang? 

Wir haben im ersten Jahrgang, der Klasse Q15, 20 Schülerinnen und Schüler. Mit 22 haben wir gestartet. Ein Teilnehmer hat die Ausbildung verlassen, einer hat ein Jahr Pause gemacht und hat jetzt im Nachfolgejahrgang die Ausbildung fortgesetzt. Voraussichtlich werden alle ihren Abschluss machen, wenn sie die Prüfungen bestehen.
In der Q16 sind 25 Schüler, dort hat eine Schülerin kurz nach Beginn der Ausbildung diese wieder verlassen. In der Q 17 haben wir mit 25 Teilnehmer/innen angefangen. Eine Schülerin hat die Praxisphase nicht bestanden und ist deswegen nicht mehr im Projekt. Sie wiederholt die Klasse und setzt ihre Ausbildung in einer regulären berufsbegleitenden Klasse an unserer Schule fort.

Aus welchen Berufen kommen die Quereinsteigenden?

Aus alle Berufen, die man sich vorstellen kann – einmal quer durch die Gesellschaft.

Fast niemand bricht die Ausbildung ab. Wie halten Sie die Studierenden bei der Stange?

Hauptsächlich, weil wir mit jeder Schülerin und jedem Schüler individuellen Kontakt haben. Insgesamt herrscht an unserer Schule ein sehr wohlwollendes und positives Arbeitsklima. Wir wissen ziemlich genau Bescheid über die einzelnen Studierenden, weil wir ihnen Möglichkeiten bieten, eventuell auftretende Probleme zu kommunizieren. Das ist es, was uns ausmacht. Wir ignorieren Probleme nicht, sondern wir gehen sie an und suchen gemeinsam nach einer Lösung. So konnten wir auch den jungen Mann halten, der pausiert hat. Er hätte sonst sicherlich abgebrochen.

Wie organisieren Sie diese Betreuung?

Wir haben im ESF-Modellprogramm natürlich den Luxus, dass wir Mitarbeitende haben, die dafür Zeitkontingente haben, das ist in der regulären berufsbegleitenden Ausbildung nicht der Fall. Wir haben zudem die Praxis-Theorie-Brücke eingeführt, wo die Mitarbeiterinnen, die die Praxis-Besuche absolvieren, einmal die Woche mit den Studierenden Unterricht haben. Hier werden aktuelle Probleme, die Einzelne in der Praxis haben, besprochen. Gibt es keine aktuellen Probleme, werden praxisnahe Themen bearbeitet. Dafür werden die Klassen aufgeteilt, sodass maximal zwölf oder 13 Studierende in einer Gruppe sind. So haben sie Zeit, in kleinem Rahmen das Thema zu bearbeiten. Sie können sich untereinander auch vergleichen und ihre Erfahrungen austauschen. Das ist ein gemeinsamer Einordnungsprozess. Hier haben wir ein Forum geschaffen, um Stolpersteine frühzeitig zu entdecken und die Studierenden haben Ansprechpartner/innen, an die sie sich wenden können. Die Praxis-Theorie-Brücke wird von allen positiv aufgenommen. Das ist eine gute Sache, die wir jetzt auf die ganze Schule übertragen haben, da wir gemerkt haben, wie wichtig und sinnvoll dieser Austausch ist.

Welche Erfahrungen haben Sie an der Euro Akademie mit erwachsenen Menschen gemacht, die wieder die Schulbank drücken müssen?

Heterogene Gruppen, die unterschiedliche Lebenswege hinter sich haben und unterschiedliche Biografien mitbringen, haben die Herausforderung zu meistern, gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Es ist natürlich schön, dass sie so unterschiedliche Kompetenzen mitbringen und sich gegenseitig etwas mitgeben können, dies erfordert aber auch ein großes Maß an Toleranz und Flexibilität. In so einer sehr heterogenen Lerngruppe erwarten die einen sehr viel Praxis, die anderen sehr viel Theorie, den einen fällt dieses Thema schwer, den anderen jenes Thema. Was man aber sagen kann, ist, dass viele am Anfang sehr große Ängste vorm Scheitern haben. Sie kommen aus der praktischen Arbeit plötzlich wieder in eine Prüfungssituation, in der sie bewertet werden. Viele haben große Ängste, nicht zu bestehen. Einige haben auch Schwierigkeiten, Gedanken strukturiert zu verschriftlichen. Einige haben zudem eine große Dienstleistungserwartung, wenn sie kommen. Die Schule muss alles aufbereiten, es gibt da eine gewisse Konsumhaltung. Aber gerade in der berufsbegleitendenTeilzeitausbildung brauchen die Studierenden sehr viel Eigeninitiative für das eigenständige und selbstverantwortliche Lernen, die wir für erwachsenengerechtes Lernen voraussetzen. Das muss erlernt werden und das ist oft nicht leicht.

Wie sieht das erwachsenengerechte Lernen an der Euro Akademie aus?

Es finden normale Unterrichtsstunden statt, aber an diese Unterrichtsstunden ist noch ein Lernen in anderer Form angegliedert. So haben die Teilnehmenden beispielsweise die Aufgabe, sagen wir, wenn es um das Thema Spracherwerb geht, das Thema in der Einrichtung umzusetzen und wieder zurück zu spiegeln. Die Arbeit soll an die Theorie anknüpfen, in die Praxis transferiert und in den Unterricht zurückgetragen werden. Jede und jeder muss hier für sich eine eigene Fragestellung entwickeln. Denn die Einrichtungen sind unterschiedlich und es gibt keine Fragestellung, die auf alle Einrichtungen passt. So müssen alle individuell darüber nachdenken, wie sie zu dem Ergebnis kommen, das sie brauchen. Das muss sich jeder selber erarbeiten, es gibt keine generelle Vorgabe. Diese Umsetzung ist erst einmal schwierig und benötigt eine gute Begleitung durch die Lehrenden.

Dann haben wir noch ein weiteres Projekt. Für je rund 80 Unterrichtsstunden, können sich alle Teilnehmenden überlegen, was sie für sich erarbeiten wollen, z.B. was für Vor- und Nachteile offene Arbeit hat und welche Schwierigkeiten sie vielleicht damit haben. Sie müssen für sich herausfinden, welches Thema sie bearbeiten möchten und bekommen dann die entsprechende Anleitung in der Schule, es Schritt für Schritt zu erarbeiten und umzusetzen. Das erfordert viel Eigeninitiative und Eigenreflexion.

Haben Sie Unterricht und Lehrstoff auf die neue Zielgruppe angepasst?

Den Rahmenlehrplan müssen wir natürlich einhalten, aber es gibt relativ viel Spielraum mit der Art und Weise, wie unterrichtet wird. Zum Beispiel wie man ein bestimmtes Thema erwachsenengerecht angehen kann. Aber das ist bei uns in Berlin nicht neu, wir haben ja schon immer im Rahmen der berufsbegleitenden Ausbildung ausgebildet und dort sind in der Regel Menschen, die älter sind als 18 Jahre. Viele schon zwischen 30 und 40 Jahren. Erwachsenengerechte Ausbildung ist für Berlin kein neuer Gedanke. Der Vorteil im ESF-Modellprogramm ist natürlich, dass wir ein Team haben, das sich wirklich mit dieser Idee auseinandersetzen kann und eng mit den Studierenden zusammenarbeitet. So können wir herausfinden, wo Schwierigkeiten liegen und wo es Anpassungen geben könnte.

Wo sind die Studierenden an ihre Grenzen gekommen?

Teilweise im Theoretischen, wie ich es schon erwähnte. Aber auch beim sozialpädagogischen Handeln. Das bekommen wir aus den Einrichtungen gespiegelt. Das macht manchen Schwierigkeiten: Ich bin auf einmal Vorbild, muss mich so verhalten wie ich möchte, dass die Kinder das auch tun. Ich muss partizipativ denken, und das fällt vielen ganz oft schwer. Zudem auch die Einordnung in ein Organisationssystem. Das ist für viele neu, auch da tauchen Schwierigkeiten auf.

Wie klappte die Koordination mit der Praxis? Haben Sie Input bekommen, der wiederum in den Unterricht geflossen ist?

Erst einmal haben wir über die Studierenden Kontakte in die Praxis über die schon erwähnte Praxis-Theorie-Brücke. Dann haben wir ein Praxisteam, das regelmäßig die Praxisbesuche durchführt. Wer Schwierigkeiten hat, kann uns das mitteilen und dann gehen wir zeitlich vorrangig in die Einrichtung. In regelmäßigen Abständen führen wir Anleiter/innentreffen durch, bei denen wir den Anleiter/innen der einzelnen Klassen vorstellen, was im Semester passiert. Auch hier besteht die Möglichkeit, uns anzusprechen, wenn es zum Beispiel Schwierigkeiten mit den Studierenden gibt. Wir nehmen Anregungen aus der Praxis gerne auf. Als wir zum Beispiel das 80-Stunden-Projekt eingeführt haben, hatten wir es vorab den Praxisanleiter/innen und Trägern vorgestellt. Später gab es auch Feedback aus dem praktischen Alltag. Wir haben dazu viele Ideen und Anregungen erhalten. Es war eine gemeinsame Arbeit, nur so konnte das Projekt in der Form entstehen. Das Feedback war toll und hat die Inhalte für ein produktives und effektives Lernen mitgestaltet.

Wie erleben Sie die Kita als Ausbildungsort?

Sehr unterschiedlich. Man kann nicht von DER Kita sprechen, alle sind unterschiedlich – von der Größe, der Ausrichtung, der Verortung. Im Großen und Ganzen haben sich die Kitas mit ihrer Rolle angefreundet, Ausbildungsort zu sein. Manche engagieren sich sehr stark, andere haben weniger Zeit, sind aber interessiert.

Manchmal muss man aber auch schauen, ob der oder die Studierende auch am richtigen Platz ist. Manchmal ist jemand, der oder die vorher zu dem Beruf noch keinen Kontakt hatte, in einer großen Kita mit viel offener Arbeit und vielen Studierenden nicht am richtigen Platz. Vielleicht wäre die Person in einer anderen Einrichtung besser aufgehoben, um das pädagogische Arbeiten zu erlernen. Insgesamt ist meiner Meinung nach die berufsbegleitende Ausbildung sehr gut. Der Transfer– was lerne ich und wozu lerne ich es – kann immer stattfinden. Das ist sehr lernbringend.

Was waren die Höhen und Tiefen in den vergangenen drei Jahren?

Eine Herausforderung ist der Grundgedanke dieses Programms, der natürlich sinnvoll ist. Zu sagen, wir installieren das Quereinsteiger/innen-Programm, wir entwickeln ein Curriculum überdenken es, überarbeiten es für jeden neuen Jahrgang und verbessern es. Aber es bedeutet bei drei Ausbildungsjahrgängen für die Lehrenden, dass sie unterschiedliche Vorgaben haben, die sich vielleicht auch noch von denen der vollzeitschulischen Ausbildung unterscheiden. Wir haben dadurch unterschiedliche Vorgehensweisen für die einzelnen Klassen. Das macht die Umsetzung für Dozenten/innen schwierig. Jede neue Installation eines Projektes bedeutet auch immer Reibung und Energieverlust bei denen, die damit befasst sind. Auch die Quereinsteigenden haben das nicht immer nur positiv gesehen, sondern haben sich manchmal als „Versuchskaninchen“ gefühlt. Das bedeutet natürlich eine Unsicherheit, mit der man gut umgehen muss. Das ist manchmal schwierig.

Was macht in Ihren Augen eine qualitativ hochwertige Ausbildung aus?

Das ist schwer, in wenige Worte zusammenzufassen. Wenn eine Ausbildung gelungen sein soll, dann braucht man die Motivation von allen Seiten: motivierte und lehrbegeisterte Dozenten/innen, aber auch motivierte und lernbegeisterte Studierende. Es sollte eine wohlwollende Haltung vorherrschen, in der Lernen gut möglich ist. Es muss auch Mut da sein zum positiven, lösungsorientierten Diskutieren, und der Mut, zu ändern, was vielleicht nicht mehr ganz optimal ist. Dann sollte es eine gute Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis geben. Was an Gelerntem da ist, muss mit pädagogisch aktuellem Handeln verbunden werden können. Umgekehrt müssen Lernende auch die Fähigkeit haben, neue Situationen, die in der Praxis auf sie zukommen, eigenständig lösen zu können. Sie müssen in der Ausbildung gelernt haben, wo sie Informationen finden, wie sie mit Konflikten umgehen, dass sie die Fähigkeit haben, ihr Verhalten zu reflektieren und daraus was Neues zu machen. Und sie sollten die Fähigkeit erlernt haben, sich Dinge anzueignen und diese miteinander zur verknüpfen. Ich denke, wenn man das alles vermittelt hat, hat man eine gute Ausbildung erreicht.

Was hätten Sie sich anders gewünscht?

Die größte Schwierigkeit war der bürokratische Aufwand. Ein Riesenteil der Energie fließt in Dokumentationen und buchhalterische Vorgaben, die wir haben. Viel Unmut der Einrichtungen resultiert u.a. daher, dass Gelder viel zu spät fließen oder der bürokratische Aufwand für kleine Einrichtungen viel zu groß ist. Da war und ist der Unmut immer noch sehr groß. Auch bei uns als Schule. Wir haben in der Zentrale eine Frau, die sich nur damit beschäftigt, und die manchmal an der Kommunikation im Rahmen der finanztechnischen Abwicklung verzweifelt. Ich wünsche mir, dass das in Projekten einfacher gestaltet wird.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass solche wichtigen Stellen wie die Praxiskoordination oder auch die Projektkoordination erhalten bleiben, dass wir wirklich so nah an der Praxis dranbleiben und den Kontakt halten können. In der vollzeitschulischen Ausbildung haben wir insgesamt 280 Stunden für die Praxisbegleitung, in der berufsbegleitenden Ausbildung ist das leider nicht vorgesehen. Es wäre sehr wichtig, das beibehalten zu können. Das sieht man ja an den geringen Abbrecher/innenquoten, dass es Erfolg hat. Nur mit entsprechender Begleitung kann man die Studierenden in dieser für sie herausfordernden Zeit, in der sie Familie, Beruf und Ausbildung vereinen müssen, erfolgreich zum Abschluss führen.

* Im Rahmen des ESF-Bundesmodellprogramms „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“ fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in den Jahren 2015 bis 2020 bundesweit Projekte aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF), die für die besondere Zielgruppe der Berufswechslerinnen und Berufswechsler erwachsenengerechte und geschlechtersensible Ausbildungsmöglichkeiten zur/zum staatlich anerkannten Erzieherin/Erzieher schaffen oder weiterentwickeln. Im Programm werden die Fachschülerinnen und Fachschüler parallel zu ihrer Ausbildung in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis in einer Kita beschäftigt und erhalten eine angemessene Vergütung.