05.06.2018

„Regelmäßig Theoretisches zu erörtern, scheint mir manchmal paradiesisch.“

„Quereinsteiger/innen haben unseren Kita-Alltag verändert.“, berichtet Daniela Fritsche, Kitaleiterin bei der Klax Berlin gGmbH in einem Erfahrungsbericht.“

Foto: Klax.

„Die Klax Berlin gGmbH nimmt am ESF-Bundesmodellprogramm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“* teil. In der „TZ Quer 1“ lernen 14 Quereinsteigende seit 2015 den Beruf des Erziehers oder der Erzieherin. In der Kita Pusteblume sind drei Projektteilnehmende beschäftigt. Daniela Fritsche ist Leiterin der Kita. In einem unternehmensinternen Klax-Wiki hat sie einen Erfahrungsbericht veröffentlicht, den wir hier mit freundlicher Genehmigung wiedergeben dürfen.

Das Programm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“ wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und den Europäischen Sozialfonds gefördert.

„Quereinsteigende, Seiteneinstieg, eine neue Ausbildung wagen, neue Wege gehen, seine Ziele versetzen – wer sich als Erwachsener dazu entscheidet, einen neuen, anderen Beruf zu erlernen, der hat es sich nicht leicht gemacht. Im Gegenteil: Man hat eine Zäsur durchlebt, hat vielleicht in seinem Ursprungsberuf keine Chancen mehr gehabt, hat sich für einen Neuanfang entschieden.

Quereinsteigende, wie es sich der Berliner Senat erklärt, sind Menschen, die dringend gebraucht werden. Weil sie Personallöcher stopfen sollen, die sich durch das gesetzliche Recht auf einen Krippen- oder Kindergartenplatz eröffnet haben.
Für uns sind Quereinsteigende etwas völlig anderes.

Für uns sind sie kleine Himmelsgeschenke, weil sie mit viel Lebenserfahrung, fundiertem Wissen aus ihren „alten“ Berufen und manchmal auch schon etwas weiser daherkommen. Sie sind diszipliniert, zuverlässig, neugierig, geduldig, positiv, kritikfähig, empathisch, konsequent, fröhlich und ausdauernd.

Jetzt spreche ich von unseren drei berufsbegleitenden Auszubildenden. Sie haben unseren Kindergarten-Alltag verändert und sogar verbessert. Weil sie kluge Fragen stellen, das, was sie gerade lernen, in der Realität anwenden wollen, sie sind sicher in der Benutzung ihrer Werkzeuge, die sie von der Fachschule in die Hand bekommen haben. Aber das Wichtigste sind ihre Fragen an die erfahrenen Erzieher/innen: Warum hast Du das jetzt so gemacht, hättest Du nicht anders reagieren sollen, was ist jetzt wichtig? Wer mit einem berufsbegleitend Lernenden den Alltag verbringt, muss auf viele Fragen Antworten haben. Das macht nachdenklich, selbstkritisch und bringt einen immer wieder auf den rechten Weg.
Klar, anstrengend ist das auch.

Darf ich die Aufsichtspflicht schon alleine übernehmen? Wie spreche ich mit den Eltern? Wann soll ich meine Hausarbeit schreiben?

Machen wir uns nichts vor. Den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers in Vollzeit zu lernen, vielleicht noch nebenbei bereits eine Familie zu haben, um die man sich sorgen muss, das ist schon nicht einfach. Aber an drei Tagen in der Woche in der Praxis zu arbeiten, mit all den Unwägbarkeiten an unseren Arbeitsplätzen, den oft stressigen Kindergarten-Alltag staunend zu überstehen und dann auch noch zwei Tage lang wieder auf der Schulbank zu sitzen, mit anderen „Kolleg/innen“ Präsentationen vorzubereiten und abzuliefern, Klausuren zu schreiben, seinen Ehrgeiz im Zaum zu halten, das ist mehr als anstrengend. Meine Bewunderung gilt ihnen und manchmal bin ich etwas neidisch: Zwischen den Praxisanteilen auch regelmäßig Theoretisches zu erörtern, scheint mir manchmal paradiesisch. Und doch sind wir froh, lieber den Tag mit den Kindern zu verbringen als mit den Lehrkräften…
Unser Fazit: Die Idee, Menschen aus anderen Berufen eine Chance für unseren Beruf zu geben, ist toll und auf alle Fälle ein Erfolgsrezept. Die Menschen sind aber auch verschieden. Wir hatten Glück, andere vielleicht nicht. Trotzdem glaube ich fest daran, dass die Seiten- und Quereinsteigenden eben nicht nur Personallöcher stopfen, sondern die Kindergärten und auch uns verbessern. Das ist klasse.“

Autorin: Daniela Fritsche, Leiterin der Klax-Kita Pusteblume in Berlin-Pankow
Quelle: Unternehmens-Wiki Klax Berlin gGmbH – Mit freundlicher Genehmigung


* Im Rahmen des ESF-Bundesmodellprogramms „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“ fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in den Jahren 2015 bis 2020 bundesweit Projekte aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF), die für die besondere Zielgruppe der Berufswechslerinnen und Berufswechsler erwachsenengerechte und geschlechtersensible Ausbildungsmöglichkeiten zur/zum staatlich anerkannten Erzieherin/Erzieher schaffen oder weiterentwickeln. Im Programm werden die Fachschülerinnen und Fachschüler parallel zu ihrer Ausbildung in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis in einer Kita beschäftigt und erhalten eine angemessene Vergütung.

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Positionspapier der Modellprojekte im ESF-Bundesmodellprogramm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“