12.11.2018

‚Mehrgleisig‘ fahren

Spezialisierte Ausbildungen anbieten, die herkömmliche Ausbildung modernisieren und die kindheitspädagogischen Aspekte verstärken, Seiteneinsteiger/innen und zugewanderte Menschen qualifizieren. Interview mit Antje Draheim aus Mecklenburg-Vorpommern.

Foto: privat.

Dr. Antje Draheim ist Abteilungsleiterin Jugend und Familie im Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern. Zuvor war sie Abteilungsleiterin Arbeit im gleichen Ministerium, ihr ist das Thema Arbeitsmarkt, Demografie und Fachkräfte daher sehr vertraut.

Welche Reformen oder Maßnahmen in Bezug auf die Erzieher/innenausbildung gibt es bei Ihnen im Bundesland oder sind gegenwärtig im Gespräch?

Wir haben mit dem Schuljahr 2017/2018 eine neue Ausbildung in dem Beruf „Staatlich anerkannte Erzieherin für 0- bis 10-Jährige“ bzw. „Staatlich anerkannter Erzieher für 0- bis 10-Jährige“ in einem Modellprojekt zunächst an fünf Höheren Berufsfachschulen begonnen. Neu daran ist: Die Ausbildung findet sowohl in der Beruflichen Schule (Theorieunterricht) als auch in Kindertageseinrichtungen (praktische Ausbildung) statt. Bewerberinnen und Bewerber schließen mit einem Träger einer Kindertageseinrichtung einen Vertrag und mit der Höheren Berufsfachschule ebenfalls. Der Träger der Einrichtung zahlt eine im Kindertagesförderungsgesetz (KiföG) geregelte Ausbildungsvergütung, die im Verlauf der Ausbildung mindestens jährlich ansteigt, sich an dem Tarifvertrag für Auszubildende des öffentlichen Dienstes (TVAöD) orientiert und 80 Prozent der tariflich festgelegten Ausbildungsvergütung nicht unterschreiten soll.

Welche Zielgruppe erreichen Sie mit dem Angebot?

Es zeigt sich, jetzt schon im zweiten Jahr, dass wir damit verstärkt Menschen in der Lebensmitte ansprechen, die sich umorientieren wollen und schon Familie und Lebenserfahrung sowie andere Berufserfahrungen mitbringen. Auch haben wir überdurchschnittlich viele männliche Auszubildende. Das alles finden wir sehr bereichernd – sowohl für unsere Kinder als auch für das Team einer Kita.

Woran zeigt sich aus ihrer Sicht eine attraktive und hochwertige Ausbildung für Erzieher/innen?

Attraktiv ist die Ausbildung, weil sie die Auszubildenden von Anfang an in die Praxis einer Kita einbindet und sie die Chance haben, ihre potenzielle künftige Arbeitsstätte und die Fachkräfte dort kennenzulernen. Attraktiv ist diese Ausbildung auch deshalb, weil sie eben nur drei Jahre dauert und man eine Ausbildungsvergütung erhält, die zumindest einen Teil des Lebensunterhalts absichert. Die Ausbildung ist herausfordernd, es sind dieselben Lernanteile zu leisten, wie bei der regulären vollzeitschulischen Ausbildung – nur spezialisiert und begrenzt auf die Altersgruppe 0-10 Jahre – und dann sind noch 40% „echte Praxis“ zu leisten. Das ist schon anstrengend, wenn abends nicht nur die Familie wartet, sondern auch noch die Lehrbücher.

Wie ist die Nachfrage?

Es zeichnet sich ab, dass die neu geschaffene „duale Ausbildung“ insgesamt zu einem Anstieg der Auszubildendenzahlen führt. Die Ausbildungszahlen der klassischen Erzieher-/Erzieherinnen-Ausbildung sind konstant geblieben, d.h. die Absolvent/innen der „dualen Ausbildung“ stehen unseren Einrichtungen zusätzlich zur Verfügung.

Während die klassische Erzieher/innen-Ausbildung sich dadurch auszeichnet, dass den Absolventen und Absolventinnen ein vielfältiges Arbeitsfeld offen steht – sie können in allen Bereichen der Kindertagesförderung arbeiten, jedoch auch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen tätig werden –, beschränkt sich die „duale Ausbildung“ auf den Einsatz der Fachkräfte auf die Kindertagesförderung, jedoch ist die Ausbildung in einem kürzeren Zeitraum – drei statt fünf Jahre – zu bewältigen und wird vergütet. Beide Ausbildungsgänge bieten aus diesen Gründen unterschiedliche Anreize und sprechen daher unterschiedliche Zielgruppen an.

Braucht es denn eine Reform der Erzieher/innenausbildung, die teilweise verstärkt gefordert wird?

Ich denke, der Arbeitsmarkt für Erzieher/innen zeigt deutlich, dass wir allein mit der regulären vollzeitschulischen Ausbildung nicht auskommen werden. Zum einen gehen in den nächsten Jahren viele erfahrene Erzieher/innen in den verdienten Ruhestand, zum anderen spüren wir alle sehr deutlich die Auswirkungen der demografischen Entwicklung der letzten 20 Jahre: Wir haben insgesamt zu wenig junge Menschen, die eine Ausbildung aufnehmen werden. Und hinzukommt: In vielen Bundesländern ist der Bedarf an weiteren Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflegestellen nach wie vor nicht gedeckt, es wird also nochmal zusätzlich Personal benötigt.

Wie stehen Sie zur Akademisierung der Ausbildung?

Eine Akademisierung dieser Ausbildung, wie oft gefordert, wirkt meiner Meinung nach zugangsbeschränkend und ausbildungsverlängernd – das heißt, es werden immer weniger junge Menschen den Weg in die Kitas finden. Da haben wir am Ende dann sehr hoch ausgebildete Fachkräfte – aber zu wenig. An den Kindheitspädagog/innen sieht man zudem, dass deren Weg eher seltener in die Kitas führt. Sie möchten führen, forschen oder übergeordnet arbeiten – aber nicht an der Basis mit den Kindern selbst arbeiten. Und wir sind ja nicht allein auf der Suche nach guten Bewerberinnen und Bewerbern. Die Konkurrenz ist groß.

Was ist Ihr Vorschlag?

Ich denke, dass wir „mehrgleisig“ fahren müssen: zum einen spezialisierte Ausbildungen oder Ausbildungsteile anbieten, zum anderen die herkömmliche Ausbildung modernisieren sowie die kindheitspädagogischen und entwicklungspsychologischen Aspekte verstärken. Es wird zudem eine Herausforderung sein, Seiteneinsteiger/innen und auch zugewanderte Menschen für den Beruf zu begeistern und auch zu qualifizieren.

Wie kann eine attraktive und qualitativ hochwertige Ausbildung aussehen?

Attraktivität hat natürlich ganz stark auch mit den Arbeitsbedingungen zu tun, mit festen Verträgen, guter Bezahlung und guten, starken Leitungen. Das Team spielt eine wichtige Rolle, da müssen wir auch noch stärker dran arbeiten. Auch in der Tagespflege braucht es gute Vergütungen und Arbeitsbedingungen.

Wir müssen auch überlegen, wie wir die Zugänge insgesamt verbreitern, also wie gewinnen wir Menschen mit Voraussetzungen, die wir heute als unzureichend empfinden, und wie können wir diese Menschen so qualifizieren, dass sie die Teams bereichern und für die Kinder ein Zugewinn sind? Das sind alles wirklich große Herausforderungen.

Wichtig ist für mich auch, dass wir diskutieren, wie denn die Zusammenarbeit mit dem anderen großen Bildungsbereich, den Schulen, aussieht. Die Ganztagsschule führt zur verstärkten Nachfrage von Erzieher/innen auch an Schulen; teilweise gibt es schon Angebote, die Erzieher/innen sowie Sozialpädagog/innen über den Quereinstieg zu Lehrer/innen oder Schulsozialarbeiter/innen weiterzubilden. Denn auch die Schule sucht verstärkt nach Fachkräften. Wir sollten hier achtsam miteinander umgehen und dafür Sorge tragen, dass unsere Kinder in allen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen verlässliche Strukturen mit gut ausgebildeten Fachkräften finden.

An welchen Stellschrauben müsste gedreht werden, um langfristig genügend Personen für die Ausbildung zu gewinnen?

Nun, zunächst stellt sich die Frage, was heißt denn „genügend“? Wie sind die Bedarfe und was kann tatsächlich mit dem Potenzial geleistet werden? Wir haben ja starke Altersabgänge in den nächsten Jahren. Man muss aber auch nicht immer gleich „Schreckensszenarien“ an die Wand malen, jedenfalls nicht bei uns in Mecklenburg-Vorpommern. Bei uns ist der Ausbau weit vorangeschritten. Wir müssen jetzt verstärkt danach schauen, welche besonderen Bedürfnisse Kinder vielleicht haben und was das für die Fachkräfte heißt: Kinder mehr- oder fremdsprachiger Herkunft, Kinder mit besonderem pädagogischen Förderbedarf, Kinder mit Entwicklungsverzögerungen. Das stellt ja auch Ansprüche an die Fachkräfte. Ich wünsche mir für unsere Kitas in Mecklenburg-Vorpommern mehr Diversität bei den Fachkräften, multiprofessionelle Teams, einen stärkeren überregionalen Austausch zwischen den Fachkräften und eine weiter verbesserte Erziehungspartnerschaft mit den Eltern.

Es müssen bundesweit Wege ausprobiert werden, wie die vollzeitschulische Ausbildung praxisnäher werden kann, ob nicht auch hier Schulgeldfreiheit grundsätzlich umgesetzt wird, wie man bessere Vergütungsstrukturen und Karrierepfade in einer Kita, bei einem Träger, aber auch trägerübergreifend ermöglicht und wie man Leitungen noch professioneller aufstellt.

Es ist aber auch das Bewusstsein bei Eltern und Gesellschaft erforderlich, dass Kindertagespflege, Kita und Hort eben nicht nur „Betreuungseinrichtungen“ sind, sondern Einrichtungen frühkindlicher Bildung – auf die es ja nachgewiesenermaßen für das ganze Leben entscheidend ankommt. Unsere Fachkräfte wünschen sich mehr gesellschaftliche Anerkennung ihrer herausfordernden Arbeit.

Was müsste auf Länderebene passieren?

Wir diskutieren im Land über viele dieser Themen sehr aktiv, so wird unser neuer Ausbildungsgang von einer Lenkungsgruppe begleitet und evaluiert, wir schulen Mentorinnen und Mentoren, wir diskutieren mit unseren Jugendämtern, Fachkräften, Fachschulen, Weiterbildungseinrichtungen, Hochschulen und Universitäten sowie im Landesjugendhilfeausschuss, wie wir Arbeitsbedingungen konkret verändern und verbessern können.

Was muss politisch getan werden, um gut ausgebildete Fachkräfte an das Arbeitsfeld zu binden?

Ein wesentlicher Baustein innerhalb des Themenfelds Arbeitsbedingungen ist die Frage nach der „richtigen“ Fachkraft-Kind-Relation bzw. der Personalbemessung. Hier wäre vieles zu wünschen, doch wir sollten realistisch sein: die Hauptaufgabe wird es sein, den bestehenden Standard halten zu können – angesichts der demografischen Herausforderungen. In den Bundesländern, die noch einen großen Nachholbedarf beim Kita-Ausbau haben, wird diese Frage deutlich schwieriger zu beantworten sein, als z.B. bei uns. Dennoch: Auch wir in Mecklenburg-Vorpommern werden hier sicher in den nächsten Jahren noch weitere Anstrengungen unternehmen müssen.

Was können Kitateams tun, damit Fachkräfte bleiben?

Die starke Praxiseinbindung in der Ausbildung ist sicher ein gutes Argument für langfristige Bindung. So lernen sie die Praxis früh kennen, sehen, ob es ihren Erwartungen entspricht. Und sie lernen die konkrete Einrichtung kennen. Natürlich kommt es entscheidend auf das Klima in der Einrichtung an. Ich denke, dass ist sogar einer der wesentlichen Faktoren. In einem guten Team kann die eine oder andere „Schwachstelle“ überwunden werden, wenn aber das Team für einen nicht stimmt, stimmt gar nichts mehr.

Und vielleicht ist es auch nicht so „schlimm“, wenn eine andere Fluidität in die Kindertagespflege und Kitas kommt: Wenn Menschen sich künftig häufiger entscheiden, nur eine bestimmte Lebensphase in diesem Berufsfeld zu verbringen und dann zu wechseln, kann das auch bereichernd sein. Die Heterogenität wird ja auch dadurch größer, es werden immer wieder neue, andere Erfahrungen und Lebenssichten eingebracht. Dafür müssen wir dann allerdings auch mit unseren Weiter- und Fortbildungsangeboten deutlich flexibler werden, individuell und an den zeitlichen Bedarf angepasst – und trotzdem hochwertig.

Was stellen Sie sich da vor?

Wir überlegen u.a. derzeit gerade, wie man die digitale Welt stärker für diese individuellen, fluiden Prozesse und Bedarfe nutzen kann. Wie bringen wir die Angebote dahin, wo unsere Erzieherinnen und Erzieher und unsere Kindertagespflegepersonen sind? Wie lassen sich Module aufeinander aufbauen, lassen sich unterstützende Angebote für den Alltag aufbauen, sodass auch hier gilt: starke Fachkräfte, starke Kinder!

Vielen Dank für das Interview.